27.11.2020 | Dr. Jochen Voit und Hamed Eshrat am Mariengymnasium Jever Autor: Jonas Evers (Q2)

»Unter der gleichen Sonne« – Dr. Jochen Voit und Hamed Eshrat am Mariengymnasium Jever



Immer mal wieder kam Karl Metzner in der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt vorbei. Dr. Jochen Voit, Leiter der Bildungseinrichtung, die früher ein Gefängnis war, kennt den älteren Herrn. Karl Metzner soll Pastor in der DDR gewesen sein und der Stasi Informationen verweigert haben, das wusste Voit. Er staunte jedoch nicht schlecht, als er bei einem Klassentreffen in der Gedenkstätte erfährt, dass Metzner, „Metze“, auch schon während des Nationalsozialismus Widerstand geleistet hat. Mehr noch, Karl Metzner war dafür achteinhalb Monate in der Andreasstraße inhaftiert.



Über einen „Mann mit Haltung“, wie Voit ihn beschreibt, handelt die Graphic Novel „Nieder mit Hitler! Oder warum Karl kein Fahrradfahrer sein wollte“, die Jochen Voit zusammen mit Zeichner Hamed Eshrat entwickelte. Am Montag, dem 23. November 2020, waren beide zu Gast in der Aula des Mariengymnasiums und stellten ihr Werk Schüler*innen des zehnten Jahrgangs vor. Dank neuer Technik konnte der Rest des zehnten Jahrgangs, der aufgrund der Hygieneauflagen nicht mehr in der Aula sein konnten, per Videoübertragung aus dem neu gebauten Von-der-Vring-Haus zuhören. Es handelte sich bei der Veranstaltung jedoch nicht nur um eine Lesung. In einer Multimedia-Show wurde zusätzlich zu dem Comic mithilfe einer Geräuschkulisse mit authentischen Aufnahmen eine fesselnde Atmosphäre erzeugt. In lebendiger Weise erzählten Voit und Eshrat von dem jungen Metze und seinen vier Freunden, die zusammen Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Sie bemalten Wände und schrieben mithilfe von Metzes Schreibmaschine Flugblätter. Dann wurden sie verraten. Nur mit Glück kommen die fünf Freunde mit dem Leben davon. Die Graphic Novel gibt jedoch nicht nur Einblicke in das geschichtliche Geschehen, sondern auch in das Umfeld und die Lebensumstände des jungen – und alten – Metzners. Immer wieder springt der Comic auch in die Zeit nach dem Krieg, in der Metzner in der DDR erneut Widerstand leistet.



Dass Jochen Voit und Hamed Eshrat eine Woche vor dessen Tod Karl Metzner noch die fertige Graphic Novel überreichen durften, bezeichnet Voit als „wahren Ritterschlag.“ „Er hat es aufgemacht und gelächelt“, ergänzt Eshrat. Dass es sich bei der Erzählung eben nicht um eine klassische Darstellung, sondern um einen Comic handelt, war auch für Metzner selbst zuerst gewöhnungsbedürftig, geben die Autoren zu. Letztendlich hätte Metzner jedoch eingewilligt. Voit bewirbt den Gebrauch von Comics als geschichtliches Medium zum Erinnern und Bilden. Einige Vorteile: Durch die künstlerische Darstellung erwarte niemand Authentizität. Durch Subjektivität und Nachbearbeitung zwingen Zeichnungen, Comics, Graphic Novels, sich selbst eine Meinung zu bilden. In Mathe seien Formeln und Zahlen einfach da, spricht Voit zu den Schülern. Geschichte müsse allerdings ständig neu interpretiert werden, „Geschichte ist immer in Bewegung“.



Anhand eines Bildes von seinem Schreibtisch erzählt Hamed Eshrat auch vom Entstehungsprozess der Graphic Novel. Insgesamt betrug die Entstehungszeit des Werks zwei Jahre; pro Seite kommt der Zeichner mit Skizzen, Kolorierung und Detailarbeit auf eine Arbeitszeit von gut zwei Tagen. Den beeindruckenden Zeichnungen liegen historische Fotos zugrunde, die von einem Team von Historikern ausgegraben und verifiziert wurden. „Es war wichtig, dass alles stimmt“, so Eshrat.
Die Zeichnungen im Nationalsozialismus sind farbig, das spiegelt die Vielschichtigkeit der Charaktere wider. „Das waren lebendige Menschen“, das vergesse man bei den vielen Schwarz-Weiß-Fotos manchmal. Nicht zuletzt ist es unsere Geschichte, die heute genauso lebendig ist wie damals.
„Wenn wir an Widerstand denken, denken wir an Helden auf dem Sockel“, so Voit. Die Charaktere aus der Graphic Novel könnten auch heute leben. Eshrat: „Sie Leben unter der gleichen Sonne wie wir.“



Wie auch am 09.11.2020 war auch diese Veranstaltung von der Bibliothek des Mariengymnasiums organisiert und im Rahmen von „Und seitab liegt die Stadt“ – ein Projekt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (Förderprogramm „Kultur in ländlichen Räumen“) und des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) gefördert worden. [vgl. Lesung vom 09.11.2020 zur Graphic Novel „Emil – Tagebücher aus der Weimarer Republik“, http://www.mariengymnasium-jever.de/index.php?site=artikel&id=997]
Das Bibliotheksteams – Tina Haseneyer, Dr. Anja Belemann-Smit und Dr. Georg Wagner-Kyora – danken den Autoren für den Besuch, Herrn Dunker und den Kolleg*innen für die technische Unterstützung und natürlich dem Förderprojekt, durch das dieses Lesungsprojekt mit zwei Veranstaltungen zu Graphic Novels erst ermöglicht wurde.



Weitere Infos gibt’s unter:

Nieder mit Hitler
Nieder mit Hitler (2)
… oder bei uns in der Bibliothek.


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