06.06.2016 | Vorstellungsabend für Migranten im Bürgerhaus Autor: Wolfgang A. Niemann

SCHORTENS/WAN Schier überwältigt äußerte sich Gisela Sandstede vom Schortenser Verein der Integrationslotsen über die Resonanz des erstmaligen Vorstellungsabends für Migranten. Auf 150 Gäste hatte sie gehofft, doch nun füllten rund 300 den Saal im Bürgerhaus und mindestens zur Hälfte waren es interessierte Einheimische.


Zur Eröffnung sprach der neunjährige Ezzat Kouzi aus Aleppo ein fröhliches „Moin Moin“ und für alle im Saal, die sich noch schwer mit dem Deutsch tun, begrüßten die vier Mentorinnen die Gäste auf Arabisch und in Tigrin. Alena Beck, Hutham Hussein, Hanna-Maria Paul und Felicia Riethmüller, allesamt derzeit im Abitur am Mariengymnasium zu Jever, haben mit Flüchtlingen aus Eritrea und Syrien über Monate deren persönliche Vorstellungen sowie Präsentationen zu ihren Ländern vorbereitet.


Als erste schilderten Abdullah Hazaa und Ayham Al Taani, junge Familienväter aus Daraa, einer Stadt südlich von Damaskus, beide studierte Banker und seit Jahren befreundet, ihre Flucht aus der stark zerstörten Stadt. Zu Fuß, per Schlauchboot und mit dem Zug schafften sie es für jeweils 2000 Euro an Schlepper bis ins Aufnahmelager Bramsche und bis zur Unterbringung in Schoost. Ihr sehnlichster Wunsch ist die Anerkennung ihres Asylantrages, damit ihre Familien nachkommen können.


Ihr Landsmann Bashar Farra ist Anästhesist und hofft auf einen Neuanfang hier und das gilt auch für Ammar Shuzri, der nach erfolgreichen Deutsch-Kursen Wirtschaft studieren möchte. Eine Rückkehr in ihr geschundenes Land ist schwer vorstellbar, denn in ihre Schilderung mischten sich Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Syrien als uraltes Kulturland hatte trotz eines harschen Unterdrückungssystems das vorbildlichste Bildungssystem im arabischen Raum und nur zwei Prozent Analphabeten gegenüber 200.000 Studenten, davon die Hälfte Frauen.


Doch vieles ist zerstört und der Schulbesuch lebensgefährlich geworden. Schon jetzt beklagt man eine Million Tote, zwölf Millionen Menschen sind auf der Flucht und vier Millionen außer Landes. Aus einem weitaus ärmeren Land kommen dagegen Kiros Kiflay, Petrus Gebregergish und Haben Yossief, denn in Eritrea lebt die Hälfte der sechs Millionen Bürger unter der Armutsgrenze. Geflohen sind Kiros und Petrus, jeweils 43 und Familienväter, wie auch der 25-jährige Fensterbauer Haben wegen der unmenschlichen politischen Verhältnisse.


Eritrea ist ein extremer Überwachungsstaat mit desolatem Bildungssystem, der jegliche Ausreise verbietet. Andererseits aber droht allen Männern ab 18 der zeitlich unbeschränkte Militärdienst, was jegliche Lebensplanung unmöglich werden lässt. Das macht verständlich, warum die Drei die lebensgefährliche Flucht auf sich genommen haben. Ging es anfangs mit 30 Personen auf einem Pickup noch durch die Wüste zur libyschen Küste, folgte nun für 1800 Dollar für jeden an Bord die fast gescheiterte Bootsüberfahrt nach Italien. Das allerdings etliche der Passagiere nicht lebend erreichten.


Jeder der Flüchtlinge erhielt viel Beifall für seine teils in bereits gutem Deutsch vorgebrachten Ausführungen. Und Bürgermeister Gerhard Böhling sprach in seinem Schlusswort aus, was wohl jeder im Saal empfand: „Ich bin tief berührt.“ Er dankte für den großartigen Abend und bekräftigte noch einmal, dass die hier praktizierte Willkommenskultur gut und richtig sei.


sus