16.01.2019 | Monarchie, Bürgertum und Frauenwahlrecht Autor: Julia Neumann (11b)

Monarchie, Bürgertum und Frauenwahlrecht

Die Ausstellung „Gezeitenwechsel 1818-1918“ im Schlossmuseum Jever


von Julia Neumann (Kl. 11)


Im Schloss zu Jever läuft gerade eine Ausstellung, die die lokale Vergangenheit  ins Bewusstsein rückt. Sie ist in zwei Teile gegliedert. In beiden Teilen kann man beobachten, wie die Monarchie durch das Bürgertum quasi abgeschafft wurde, wie sich diese Entwicklung in der Kunst sogar in den ausgestellten Herrscherportraits zeigt, aber auch  wie diese gesellschaftlichen Veränderungen die Emanzipation der Frau am Ende des beleuchteten Zeitabschnitts vorantrieben/ermöglichten. 


So kann man zum Beispiel ein Portrait von Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg (1755–1829) betrachten, welches der renommierte Maler Jean-Laurent Mosnier 1799 geschaffen hat. Der Herzog wird vor einer Säule dargestellt und im Hintergrund erkennt man „sein Reich“. Es fällt auf, dass der Maler die traditionellen Herrscherattribute wie den drapierten Vorhang und die Säule als Hoheitszeichen kompositorisch in den Vordergrund stellt. So wird  der Großherzog als erhaben und mächtig dargestellt; das Portrait zeigt den Prunk der Monarchie. 


Für die Übergangszeit steht das Portrait von Großherzog Paul Friedrich August (1829–1853), welches 1845 vom Hofmaler Richard Flatters gestaltet wurde. Der Hintergrund hat sich grundlegend verändert, der Großherzog ist hier in einer Theaterloge dargestellt. Es ist zwar eine Säule zu sehen, welche immer noch für Stärke stehen soll, aber diese ist in die Szene eingebaut. Der Großherzog wird nicht bei Hof oder vor seinen  Besitztümern gezeigt, sondern als prominenter Besucher im Opernhaus.  Monarchie  und Bürgertum rücken näher aneinander heran. 


Als letztes Gemälde in der Reihe der  oldenburgischen Herrscherportraits kann man  das Bildnis von Großherzog Friedrich August (1900–1918) betrachten (Foto rechts). Man erkennt lediglich seinen Oberkörper, aber keinen Szenenhintergrund. Der Großherzog ließ sich sogar in Uniform portraitieren. Diese Darstellung ist beispielhaft für die Abbildung eines Adeligen wilhelminischer Zeit als „Soldat“ des Deutschen Kaiserreiches. An den Herrscherportraits lässt sich, besonders in der skizzierten Reihenfolge wahrgenommen, eine Entwicklung vom Portrait als Herrscher hin zum sozusagen hochgestellten „Bürger“ des Deutschen Reiches erkennen. 


urkundeDer gesellschaftlichen Wandel lässt sich auch im Vergleich der Urkunde der „Bekanntmachung wegen Übergabe der Landesadministration in der Herrschaft Jever“ von 1813  mit der Urkunde der „Abdankungsschrift des Großherzoges Friedrich August von Oldenburg“ von 1918 wahrnehmen. Beide ausgestellten Quellen sind Original-Leihgaben aus dem Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg. Die erste Urkunde ist lang und ausformuliert, wobei die Abdankungsurkunde (Foto links) lediglich mit der Schreibmaschine geschrieben wurde und nur ein paar Zeilen beinhaltet. 


Insgesamt zeigt der erste Teil der Ausstellung also, wie die Monarchie seit Ende des 18. Jahrhunderts und dann merklich im 19. Jahrhundert an Bedeutung verloren hat. Dies lag  nicht unwesentlich daran, dass das Bürgertum mit seinen politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen mehr Einfluss gewann und  auch mehr geldliche Mittel in die Hand bekam.


Mit dem Erstarken des Bürgertums entstanden immer mehr freiheitliche Rechte, aber diese bezogen sich größtenteils auf den Mann. Lang bis in das 20. Jahrhundert hinein besaßen Frauen  zum Beispiel kein eigenes Bankkonto und sie brauchten, um arbeiten zu gehen, eine schriftliche Erlaubnis ihres Mannes. Auch von politischen Wahlen waren sie ausgeschlossen, dementsprechend konnten sie nichts in der Politik verändern. Meist waren die damaligen Begründungen der männlichen Politiker so simpel, wie durchschaubar, nämlich dass das Gemüt von Frauen nicht gelassen genug sei, sprich: sie zu emotional für Politik wären.kleid


Doch vor 100 Jahren gab es eine Veränderung, am 30. November 1918 wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt, am 19. Januar 1919 durften Frauen zum ersten Mal wählen und damit auch gewählt werden. Dieser Entwicklung wird im zweiten Teil der Ausstellung behandelt. Dieser soll ins Bewusstsein rufen, wie viel in 100 Jahren passieren kann, aber auch, dass noch viel passieren muss und zwar in so gut wie allen Lebenslagen, wie folgende Beispiele zeigen: Im Themenfeld Beruf gibt es Verbesserungsmöglichkeiten, wie die Zahlung von gleichem Lohn für die gleiche Arbeit. Weiter sollte es normal sein, Frauen bei gleicher Qualifikation in Chefpositionen einzustellen, allerdings nicht aufgrund einer erforderlichen Quote. Auch sollten Frauen gleiche Berufschancen bekommen; so ist es in der katholischen Kirche nach wie vor nicht erlaubt, als Frau Priester zu werden. Bei allen angesprochenen Beispielen spielt das Entstehen neuer Familienmodelle eine große Rolle, sodass auch Frauen mit Kindern Karrierechancen bekommen. Voraussetzung für diese Entwicklung ist eine bessere Aufklärung über die Rechte von Frauen.


Die Ausstellung soll Frauen auch im Allgemeinen daran erinnern wählen zu gehen, denn es sei laut Frau Marrack vom Schlossmuseum Jever (die so freundlich war, mich durch die Ausstellung zu führen) ein Mitspracherecht, um das das weibliche Geschlecht mehr als ein Jahrhundert lang gerungen hätte. Man sollte dies nicht kampflos aufgeben. Und dies gilt für alle Rechte in allen Lebenslagen, die Frauen Selbstbestimmung und Selbständigkeit ermöglichen. Denn es geht nicht darum auf die Barrikaden zu gehen,  das ist bereits geschehen. Es geht darum, nicht mehr dahinter zurückzugehen, bis eine geschlechterunspezifische Gesellschaft selbstverständlich sei. Für eine derartige Ausstellung ist das Schloss Jever dabei der perfekte Ort, denn Fräulein Maria (1500–1575) selbst, die ehemalige Herrscherin des Jeverlandes, war in ihrer Zeit eine Frau, die sich von männlicher Vormundschaft emanzipierte, politisch wie persönlich ihre eigene Wahl traf, laut und öffentlich ihre Forderungen stellte und diese geschickt und erfolgreich vertrat. Sie kann als Vorbild dienen.




Die Vitrinen des zweiten Teils der Ausstellung stellen viele Originalquellen aus. So ist zum Beispiel ein Artikel aus dem „Jeverschen Wochenblatt“ zu sehen, in dem Frauen direkt angesprochen werden zu wählen. Aber auch ein weit geschnittenes Kleid (Foto links) zeigt die Freiheit auf, die plötzlich verspürt wurde. Denn vorher wurden Frauen ab einem Alter von 10 oder 11 Jahren so eingeschnürt, dass eine Taille mit dem Umfang von 15 cm dabei als etwas völlig Normales, ja als erstrebenswert, galt. Zum Vergleich heute ist der durchschnittliche Taillenumfang ca. 85 cm. Das jahrelange Schnüren hatte dramatische medizinische Folgen, da dadurch die inneren Organe gequetscht und hochgedrückt wurden.

 

Noch mehr Eindrücke gewinnt man in der Ausstellung selbst. Ich kann also jedem empfehlen diese zu besuchen. Leider läuft sie nur noch bis zum 20. Januar 2019.


 


Hinweis in eigener Sache:


Lange hat sie gefehlt im Schulleben, bald ist sie da, die
Online-Schülerzeitung des MG. Dieser Text ist gedacht als
Appetizer. Ein weiterer Text von Julia Neumann folgt direkt nach diesem hier. Die erste Ausgabe Online-Schülerzeitung des MG erscheint demnächst.